Wiederentdeckung eines Konkurrenten von J. S. Bach

 

1702 bewarb sich J. S. Bach 17jährig als Musiker wohl zum ersten Mal, und zwar auf die Organistenstelle an St. Jacobi in Sangerhausen. Der Stadtrat wählte ihn (m. E. vielleicht nicht einmütig aber) einstimmig, doch wie Bach selbst in einem Brief 1736 schreibt, wurde „durch hohe Landesobrigkeit ein [anderes] Subject zugeschicket“.

   M. W. handelt es sich hier in Bachs Vita um seine einzige von ihm aufrechterhaltene Bewerbung um einen Arbeitsplatz, die scheiterte!
   Dass Bach nur anonym von „Subject“ spricht, mag m. E. ein Grund sein, warum dieser Kandidat bislang von der Forschung und Musikpraxis vernachlässigt oder übersehen wurde. (‚Subject‘ war aber nur ein wertfreier Terminus für einen Bewerber.)

   Es handelt sich um  Johann  Augustin Kobelius (1674-1731). J. G. Walthers „Musicalisches Lexicon“ von 1732 verzeichnet ihn als „Hochfürstl. Sächs. Weissenfelsischer Land-Rentmeister [Kämmerer] und Capell-Director...in [der Nebenresidenz] Sangerhausen.“ Als Landrentmeister stand er ab 1725 in der Hierarchie weit über dem Hofkapellmeister! In der Regel für den Weißenfelser Hof komponierte er u. a. über 20 Opern.

   Diese Stadt war quasi der Geburtsort der („modernen“) deutschen barocken Kirchenkantate. So bemühte sich der bereits arrivierte Bach 1729 erfolgreich um den Titel eines Hochfürstlich Sachsen-Weißenfelsischen Hofkapellmeisters. Um 1700 war Erdmann Neumeister, der „beste Dichter in geistlichen Sachen“ (Telemann), dort Hofprediger und der „Erste unter uns Teutschen, der die Kirchenmusik durch die Einführung geistlicher Cantaten in besseren Stand gebracht und in den jetzigen Flor versetzt hat“ (G.Tilgner, 1716).

   Neumeister ist auch mindestens z. T. der Textdichter von Kobelius’ Solokantate „Ich fürchte keinen Tod auf Erden“ (Abschrift, datiert 1725). Mit unserer modernen Erstaufführung dieses seines einzigen erhaltenen Werkes konnten sich Kenner und Liebhaber erstmals einen gewissen Eindruck von der Eigenart dieses „vortrefflichen Componisten“ (Zeitgenosse) verschaffen.

   EA-Termin war Buß- und Bettag, 17. November 2010, in der Ev. Kirche in Schönau/Odw. bei Heidelberg. Interpreten der Countertenor Franz Vitzthum, das Neumeyer Consort (ganz besonders Barbara Mauch-Heinke) und Gerald Drebes (Orgel, Initiator und Organisator).

   Hauptsponsor war die "Evangelische Stiftung Pflege Schönau" (eine der größten Stiftungen Deutschlands).

Im März 2011 wurde dieses Werk unter meiner Mitwirkung in Basel erstmalig auf CD aufgenommen: mit dem Countertenor Franz Vitzthum und dem "Ensemble Capricornus"
(s. www.franzvitzthum.de und www.capricornus.ch).


Die CD ("Himmels-Lieder") ist im Januar 2012 bei dem Label Christophorus erschienen.

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© Gerald Drebes (Schönau).

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